Das kleine Dörfchen, in dem nach dem ehemaligen costa-ricanischen Präsidenten León Cortés Castro benannten Kanton, durfte ich Anfang bis Mitte November besuchen. Der Ort liegt südlich der Hauptstadt im Nirgendwo zwischen Kaffeplantagen, Wasserfällen und Avokadobäumen. Eine Wackeltour durch die hügelartigen Berge mit dem Bus und ich merke direkt wie praktisch Fahrzeuge hier sind. Das Dorf ist praktisch geteilt in zwei Teile, die beide am Hang liegen und durch eine gut asphaltierte Straße verbunden sind.
Das Dorf ist unter anderen bewohnt von drei Freiwilligen unserer Organisation und bietet so Platz für andere freiwillige Helfer*innen auf der Baustelle oder Kaffeeplantage. Beides sind Angelegenheiten der Organisation und besonders die Baustelle zukünftig ein Standpunkt für Treffen, Organisation und Gemeinnutz. Es handelt sich nämlich um ein Grundstück auf dem eine Finca und weitere notwendige Elemente für den Gebrauch, wie eine Brücke, gebaut wird. Auf dieser Baustelle habe ich für jeweils eine Woche geholfen.



Ich bin bei Ankunft um neun Uhr abends aus dem Bus gestiegen, habe meine Sachen auf meinen Rücken und in die Hände gepackt und bin im Dunkeln die Straße hochgelaufen. Ich habe noch den ganzen Trubel von San José im Kopf. Vor vier Stunden war ich noch im Chaos der Hauptstadt mit meinen drei Taschen, habe mich unwohl gefühlt mit dem vielen Zeugs unter den Menschenmassen, in der Reizüberflutung. Jedes Auto hupt, jeder Verkäufer schreit durch die Straßen. Jetzt gehe ich hier im dunkeln, höre nichts aber das Flussplätschern und letzte Vögel zwitschern. Das Wasser fließt neben mir her, ein Mann geht vor mir. Ich hole ihn ein aber wir sagen nichts. Er kommt wahrscheinlich von einem langen Arbeitstag, platt und erleichtert. Irgendwann biegt er in sein Häuschen ab, wir verabschieden uns und ich gehe weiter den Hang hoch.
Am nächsten Morgen habe ich erst gesehen wie schön die Lage ist. Ein paar Minuten den Hügel weiter hoch und ich habe wirklich das ganze Tal erblickt und die Weite der Kaffeeplantagen und Hügel gesehen. Auf dem weg habe ich auf weitere typische Häuschen und Einwohner getroffen, mit denen ich dann bisschen über meinen Aufenthalt und deren Leben geredet habe.



Noch am gleichem oder schon am nächsten Tag habe ich die Nachbarskinder kennengelernt, die selbstverständlich ganz interessiert an neuen Leuten im Dorf sind. Durch die Offenheit der Kinder, die in dem Alter sind, in dem sie auch gerne frech werden, kommt man ihnen direkt in Kontakt. Auch kommen Freunde von den dort wohnenden Freiwilligen mit dem Motorrad oder Jeep zum Haus und holen einen zum Fußballspielen ab. Dadurch dass sie praktisch jeden Tag die gleichen Leute sehen und das winzige Dorf, vor allem als Einwohner, zumindest nichts neues zu bieten hat, freuen sie die meisten neue Leute um sich zu haben.
Das ist ein Punkt und Unterschied, der mir zwischen San Andrés und unserem Wohnort Santa Cruz, jetzt auch zum zweiten mal aufgefallen ist. Ob es allgemein an der Einstellung der Leute liegt oder an der Größe des Ortes liegt, wahrscheinlich beides. Jedenfalls ist es bei uns schwieriger sich mit Leuten zu befreunden, auch wenn es allmählich besser wird. Vielleicht ist auch gerade die höhere Vielfalt und Anzahl an Leuten spannend und vorteilhaft in einer Gemeinde wie bei uns in Santa Cruz. In einem kleinen Dorf lernst du mit Sicherheit die einzigen Leute in einem Alter, wenn du etwas Offenheit zeigst. Wenn du dich jedoch mit denen gar nicht verstehst, gibt es in dem Fall keine anderen Leute.
Das Tal ist zudem Reich an Flüssen, von denen in San Andrés direkt zumindest drei zu finden sind. Zu Erreichen sind diese durch kleine Wege oder indem man eine halbe Stunde Jump’n’Run durch einen Fluss macht.


Generelle fruchtbare Böden lassen Früchte und andere Pflanzen aus der Erde sprießen, sodass man an mancher Ecke bestimmte Bäume zu Gesicht bekommt, die in der Trockenzeit auch mal etwas magere Böden aushalten. Nicht ohne Grund ist die Region eine der größten Kaffeeregionen Costa Ricas.






Einen Tag bin ich mit meinem WG-Kompanen, dem Freiwilligen der in San Andrés wohnt und dessen Kumpel Kaffee pflücken gegangen. Mit einem Korb um die Hüfte, geht es für die Kaffeepflücker*innen meistens um 6/7 Uhr morgens in die Kaffeeplantage, der sie zugewiesen sind und pflücken am steilen Hang die roten, grünen und die wenigen schwarzen Kaffeekirschen von den kleinen Bäumen. Ihr Gehalt basiert auf der Menge an Kirschen, die sie pflücken und nicht auf der Arbeitszeit. Das heißt es gilt so viel Kaffee wie möglich in den Korb zu kriegen und später die grünen von den roten Kirschen zu trennen. Für einen vollen Korb kriegen die Pflücker*innen gerade mal umgerechnet 1,50 €. Noch schwerer ist es, wenn es Ende der Erntezeit ist, wie zu der Zeit Ende Januar. Da sind die Pflanzen schon um einiges leerer und somit füllen sich die Körbe auch viel langsamer. Nochmal krasser und erschütternder zu erleben ist, wenn die ganze Familie, also auch die Kinder, auf den Plantagen zu sehen sind. Die Eltern müssen in dem Fall beide arbeiten und haben dann keine andere Wahl als die Kinder mit auf die Arbeit mitzunehmen, wo sie dann meistens auch mitmachen, um die Effizienz zu erhöhen.
Bei den Leuten, die den Kaffee pflücken, handelt es sich meistens um „inmigrantes nicaragüenses“ (=nicaraguanische Migranten). Ab Ende 2020 gibt es sogar eine binationale Vereinbarung zwischen Costa Rica und Nicaragua, dass Nicaraguaner auch während der Pandemie legal und sicher für die Kaffeeernte nach Costa Rica kommen können. Ob das aber immer über die Internationale Organisation für Migration läuft, die beim Prozess für die Einhaltung der Maßnahmen sorgt, mag ich zu verzweifeln.


Jeder von uns hat also einen Korb um die Hüfte bekommen und hat sich vom Weg ab den Hang runter gelassen. Jede Plantage ist, wie so fast immer, in Linien aufgebaut, sodass zwischen den Pflanzenreihen sogenannte „Straßen“ entstehen. Diese werden beim Anbauen der Pflanzen am Hang, begradigt. Die Straßen sind jedoch teilweise sehr dicht bewachsen und steil, was das Pflücken nicht einfacher macht. Vollkommen übermüdet und hungernd haben wir am Berg krakselnd gerade so einen Korb gefüllt.
Ich fand es aber eine sehr tolle Erfahrung, mega interessant und spannend mal selber den Kaffee zu pflücken, den man nach sehr langem Prozess in ganz anderer Form und sonst ganz woanders konsumiert.




